"Scheiß auf die Redeangst!"

Warum innere Gegenkraft manchmal mehr verändert als noch mehr Verständnis

Heute denke ich über etwas nach, das auf den ersten Blick vielleicht gar nicht besonders coachig klingt. Und trotzdem nutze ich es in meiner Arbeit manchmal ganz bewusst.

Ich sage dann nicht: „Ich zeige Ihnen jetzt noch einmal eine Übung, um Ihre Angst zu regulieren.“
Ich sage auch nicht: „Nehmen Sie Ihre Angst einfach an.“
Sondern manchmal sage ich ganz direkt: "Scheiß auf die Redeangst".

Nicht, weil ich die Angst meiner Klientinnen und Klienten nicht ernst nehme. Im Gegenteil. Sondern weil ich oft erlebe, dass genau dort für manche etwas aufbricht, was vorher viel zu lange festgesteckt hat.

Viele Menschen sind ihrer Angst gegenüber nicht nur verunsichert. Sie sind ihr auch ausgeliefert. Sie passen sich ihr an. Sie ordnen sich unter. Sie sprechen innerlich mit ihr, als wäre sie die Chefin oder der Chef im Raum.

Und manchmal braucht es dann nicht noch mehr Verständnis, sondern einen anderen Impuls. Mehr Energie. Mehr Richtung. Mehr innere Gegenkraft.
Für manche beginnt Veränderung nicht in der Sanftheit, sondern in dem Moment, in dem sie spüren: Ich will mich von dieser Angst nicht länger klein halten lassen.
Ich glaube, genau das wird oft missverstanden. Wut ist nicht automatisch destruktiv. Es gibt auch eine Wut, die klärt. Eine Wut, die aufrichtet. Eine Wut, die nicht blind macht, sondern Kraft zurückholt.

Wenn jemand zum ersten Mal nicht nur Angst spürt, sondern auch Ärger darüber, wie lange diese Angst schon das Steuer in der Hand hat, entsteht oft Bewegung. Dann ist da plötzlich nicht mehr nur Ohnmacht. Dann ist da Energie.

Und Energie ist im Coaching nicht unwichtig. Nicht jede Veränderung entsteht aus stiller Einsicht. Manches muss emotional überhaupt erst einmal so bedeutsam werden, dass das System sagt: Jetzt reicht's. So nicht weiter.

Natürlich nutze ich das Fluchen nicht bei jedem Menschen, nicht in jeder Phase und nicht als pauschale Methode. Aber manchmal, wenn genug Stabilität da ist, kann genau dieser kraftvolle Impuls etwas lösen. Genau deshalb erlaube ich in meinen Coachings manchmal auch eine kleine Fluchorgie. Nicht als Selbstzweck. Nicht als Show. Sondern weil Sprache etwas macht. Weil ein klarer, kräftiger Ausdruck manchmal genau den inneren Umschwung einleitet, den ein braver Satz nie geschafft hätte.

Und ja: Dafür gibt es sogar einen Fachbegriff. Die Wissenschaft, die sich mit Schimpfen und Beleidigen beschäftigt, heißt Malediktologie. Das Schimpfen ist also nicht nur ein Ausrutscher der Kultur, sondern längst auch ein Gegenstand wissenschaftlicher Betrachtung.

Ich mag diesen Gedanken. Nicht, weil ich jetzt jede derbe Formulierung adeln möchte. Sondern weil er mir die Erlaubnis gibt, etwas zu nutzen, das für manche Menschen unglaublich befreiend sein kann.

Vielleicht liegt genau darin manchmal ein Wendepunkt: nicht in der perfekten Selbstberuhigung, sondern in dem Moment, in dem jemand seine Angst nicht mehr höflich behandelt, sondern sich innerlich von ihr löst.
Frage für heute
Wo wäre es für dich vielleicht heilsamer, nicht noch verständnisvoller mit deiner Angst zu sein – sondern ihr innerlich einmal klar und kraftvoll die Führung zu entziehen?
Vielleicht braucht Veränderung manchmal nicht noch mehr Nettigkeit. Vielleicht braucht sie an der richtigen Stelle einfach genug emotionale Wucht, damit endlich etwas in Bewegung kommt.
Lass mir gern einen Kommentar da, wenn du diesen Gedanken kennst – dass in einer klaren, kraftvollen Abgrenzung manchmal mehr Befreiung liegt als in zehn vernünftigen Sätzen.
— Caro

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Kommentare: 1
  • #1

    A. M. (Sonntag, 07 Juni 2026 12:52)

    Die Aussage „Scheiß auf die Redeangst“ hat mich im Coaching mit Frau Wagner zunächst ehrlich irritiert. Sie war provokativ, aber genau dadurch auch unglaublich wirkungsvoll.
    Nachdem wir den Satz mehrfach wiederholt und meine eigenen Worte für die Angst gefunden hatten, merkte ich, wie sich innerlich etwas veränderte. Der Satz hat mir geholfen, mich von meiner Angst zu lösen. Heute spielt meine Redeangst kaum noch eine Rolle. Ich würde jederzeit wieder zu Frau Wagner kommen.